Über Dynamo Dresden, Gewalt, den Profifußball und Corona – Ein Rechtsstaat sollte das besser können.

Ein Gastbeitrag von: anonym

185 verletzte Polizisten, Nazi-Rufe wie „Judenpresse“, offen gezeigte Hitlergrüße, tätliche Angriffe auf Journalisten, Einsatz von Bauzäunen als Barrikaden, Wasserwerfer, Reizgas und der Einsatz des Rettungsprotokolls „MANV“ für „Massenansammlungen von Verletzten“ – die Begriffe rund um die Aufstiegsfeier von Dynamo Dresden vermitteln eher den Eindruck von einem Land im Bürgerkrieg als von friedlich feiernden Fußballfans.


Reflexartig sprechen Verein, Politiker und weite Teile der Presse von „wenigen gewaltbereiten Fans inmitten von vielen, die nur friedlich feiern wollten“, es entbrennt eine Debatte über Fankultur und Polizeigewalt und Forderungen nach Stadionverboten und personalisierten Tickets machen vereinzelt die Runde – wie immer, wenn so etwas passiert. Worüber aber offenbar niemand spricht: dass wir mitten in einer Pandemie stecken, in der Kontaktbeschränkungen gelten. Dass auch eine „friedliche Aufstiegsfeier“ aktuell absolut untersagt ist. Dass eine Versammlung von tausenden Menschen ein Schlag ins Gesicht für all die ist, die sich seit 15 Monaten massiv einschränken, ihre Freunde größtenteils nur noch online sehen und selbst bei engen Verwandten auf Abstand gehen müssen.

DFL einigte sich mit der Bundesregierung über ein Konzept

Als der Spielbetrieb in der Fußball-Bundesliga im März 2020 ausgesetzt wurde, war lange nicht klar, ob und wie unter Pandemie-Bedingungen weitergespielt werden könnte. Die DFL erarbeitete damals ein Hygiene-Konzept und setzte sich öffentlich mit der Bundesregierung darüber auseinander, unter welchen Umständen die Bundesliga wieder angepfiffen werden dürfte. Eine der wichtigsten Auflagen, die die Politik damals machte, war: die Spiele dürfen keinen Anlass dazu bieten, dass sich Fans um die Stadien herum versammeln. Sonst könnte es für einen Wiederanpfiff keine Genehmigung geben. Punktabzug und Wertungen am grünen Tisch versprach damals der Vorsitzende der DFL, Christian Seifert, sollte es doch einmal zu solchen Versammlungen kommen.

In Dresden kam es nun zu einer solchen Versammlung. Der Verein hätte das im Vorfeld unterbinden können. Der Verband* hätte das unterbinden können. Mit klarer Kommunikation. Mit der Botschaft, dass das Spiel nicht angepfiffen würde, wenn erkennbar sei, dass sich Menschen außerhalb des Stadions zusammenfänden. Mit der klaren Drohung, dass das Spiel gegen Dynamo Dresden gewertet werden würde, wenn sich die Fans dennoch zusammenrotten würden. Stattdessen teilte Dynamo Dresden auf Twitter zur Halbzeitpause ein Foto aus dem nahegelegenen „Großen Garten“ und sprach davon, dass sich dort gerade 3.000 bis 5.000 Fans versammelt hätten. Kein Wort der Missbilligung. Keine Aufforderung, sich zu zerstreuen. Man könnte diesen Tweet durchaus als wohlwollende Zustimmung zu dem werten, was da draußen vor sich ging. Bemühungen, die Menschenansammlung zu zerstreuen, gab es auch von Polizei-Seite nicht. Wahrscheinlich lag das daran, dass die Beamten einfach zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen waren und eine Eskalation der Situation vermeiden wollten.

Die Polizei wird von ihrem Dienstherren im Stich gelassen

Womit wir beim nächsten Punkt ankommen, der an dieser Geschichte
hochproblematisch ist. Ein Rechtsstaat stützt sich einerseits auf seine Gesetze, seine Funktionen und seine Organisation. Er lebt aber auch durch die Menschen. Die Menschen, die ihn gestalten und die Menschen, die ihn bewahren. Am 16. Mai 2021 (und an vielen anderen Tagen) sind das die Beamten in Uniform, die vor Ort ihren Kopf hinhalten mussten. Diese Beamten werden von ihren Dienstherren im Stich gelassen, indem unzureichende Einsatzkonzepte und personelle Unterbesetzung in Kauf genommen werden. Und sie werden von Verein und Verband im Stich gelassen, weil diese nicht dazu beitragen, diese gesetzwidrige Ansammlung von vornherein zu unterbinden. Am Ende sind diese Beamten aber die primären Leidtragenden. Sie sind es, auf die betrunkene und gewaltbereite Fans nach dem Spiel einprügeln. Sie sind es, die mit Flaschen und Feuerwerkskörpern beworfen werden. Sie sind es, gegen die Bauzäune in Stellung gebracht werden. Sie sind es auch, die sich Gesänge wie „Alle Bullen sind Schweine“ anhören müssen. Einige der 185 Beamten, die an diesem Tag verletzt wurden, vielleicht ein paar von den 30, die aktuell dienstunfähig sind oder auch ihre Kollegen, die an diesem Tag etwas mehr Glück hatten, werden sich Gedanken darüber machen, ob und wie lange sie sich das noch antun möchten. Von 1.100 eingesetzten Beamten wurden 185 verletzt. Rechnerisch ist das jeder Sechste. Wer geht gerne in einen Einsatz, bei dem er damit rechnen muss, dass einer von sechs verletzt raus geht?

Die nächsten, die es trifft, sind die ganz Normalen in der Mitte der Gesellschaft. Die, die gerne auch mal wieder zu einem Fußballspiel gehen würden und sich bei Bier und Bratwurst über ein paar Tore freuen. Oder zumindest mal wieder mit ein paar Freunden im Biergarten sitzen und sich gemeinsam über das aufregen, was man beim Public Viewing sieht. Oder einfach mal wieder eine Runde Skat spielen. Die Menschen, die sich seit 15 Monaten einschränken. Diese Menschen sehen jetzt, dass es offenbar kein Problem für unseren Rechtsstaat und unsere Politik ist, dass sich da mehrere tausend Menschen zusammenfinden können. Zum großen Teil ohne Abstandsgebot und ohne Masken. Diese ganz normalen Menschen werden sich zunehmend fragen, wieso sie sich diszipliniert einschränken sollen, wenn es an anderer Stelle vollkommen folgenlos zu sein scheint, sich über geltende Regeln und Gesetze hinweg zu setzen. Sie werden sich das nicht nur bei den Bildern aus Dresden fragen, sondern auch wenn landesweit Querdenker-Demos immer und immer wieder die Grenze des Möglichen verschieben können, ohne dafür Konsequenzen zu spüren.


Weil das so ist, verliert der Rechtsstaat. Er verliert das Vertrauen seiner Bürger und er verliert das
Vertrauen seiner Stützen.

Weil er Fehlverhalten nicht sanktioniert, sondern sich davon treiben lässt. Weil er sich dem nicht entschieden entgegenstellt. Die Politik muss ein klares Zeichen setzen und sagen: das dulden wir nicht. Sie muss DFL und DFB einberufen und klarstellen, dass das nicht die Abmachung war, unter der vor einem Jahr der Spielbetrieb ermöglicht wurde. Sie muss klarstellen, dass dieses Fehlverhalten Konsequenzen haben wird. Denn wenn sie das nicht tut, dann wird das Fehlverhalten nicht weniger werden. Dann werden weiter Grenzen ausgetestet und die Grenze wird mit jedem weiteren Mal ein Stück weiter verschoben werden. So wird der Rechtsstaat schleichend unterwandert. Sie muss sich auch endlich schützend vor ihre Einsatzkräfte stellen und sagen: das akzeptieren wir nicht. Und endlich hart und konsequent durchgreifen, wenn gegen Versammlungsverbote verstoßen wird. Es wäre im Übrigen auch im Interesse von DFL und DFB ein Zeichen zu setzen. Denn auch bei den normalen Fans kommt eine klare Botschaft an. Und die heißt: wir schützen Euch nicht. Wir unternehmen nichts, wenn bei Fußballspielen Gewalt angewendet wird. Wir übernehmen keine Verantwortung, wenn Menschen im Rahmen des Sports Gesetze brechen. Wir helfen Euch nicht, wenn in unserer Gegenwart Schutzkräfte angegriffen werden. Bei uns seid Ihr nicht sicher. Bei uns herrscht der Mob. Bei uns gewinnt der, der stärker draufhaut. Das wird dazu führen, dass sich die normalen Fans mehr und mehr vom Fußball abwenden werden.

Bleiben werden die Krawallbrüder. Die kaufen sicherlich auch ein paar Trikots und Bratwürste. Sich aber darauf zu verlassen, dass das den gesamten Profi-Zirkus am Leben hält, ist mindestens gewagt. Durch die Ereignisse von Dresden verlieren aktuell viele Akteure. Sie verlieren aber nicht, weil einzelne, gewaltbereite Akteure ein Scharmützel mit der Polizei ausgetragen haben. Sie verlieren, weil sie alle durch ihr Schweigen dazu beitragen, Vertrauen zu zerstören. Auf vielen Ebenen.

Ein Rechtsstaat sollte das besser können.

[*Für Dynamo Dresden bzw. die 3. Liga ist der DFB zuständig; die DFL verantwortet nur die 1. und 2. Fußball-Bundesliga.]

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